Verliebtheit

hat meistens etwas mit den ersten Menschen in unserem Leben zu tun – Mutter oder Vater.

Wenn  ein Mann oder eine Frau auftaucht, der/die dich erinnert einerseits an den Vater / die Mutter, wie er / sie war, andererseits aber Eigenschaften hat, die du dir beim Vater / bei der Mutter ganz besonders gewünscht hättest, dann könnte es sein, dass dieser Mann / diese Frau deinem Traumbild entspricht – dem Traum von deinem Vater / deiner Mutter – dann verliebst du dich natürlich.

Aber in Wirklichkeit verliebst du dich nicht in den anderen, weil du ihn gar nicht siehst. Was das Gefühl der Verliebtheit auslöst, ist eine möglichst große Übereinstimmung mit einem inneren Bild, das wir haben. Es muss nicht sein, dass der Mann / die Frau visuell der Typ ist, den wir erträumt haben, aber in der Verliebtheit sind wir in unsere inneren Bilder verliebt. Die Verliebtheit verschwindet in dem Maße, in dem die Person zum Vorschein tritt.

Solange man den anderen nur gelegentlich sieht, kann man dieses Bild aufrechterhalten. Und wenn man mit diesem Menschen dann zusammen lebt, tauchen immer mehr Aspekte auf, die diesem Bild, in das wir uns verliebt haben, nicht entsprechen.

Dann sagen wir oft: Du hast dich verändert. Du hast mir was vorgespielt, du bist ja gar nicht der, von dem ich dachte, dass du es bist. Aber damit werfen wir dem anderen eigentlich nur vor, dass er nicht unserem Bild entspricht und damit verraten wir uns, ohne dass wir es  merken.

Wenn wir aufmerksam wären, würden wir merken, dass nicht der Partner falsch ist, sondern dass wir uns – ohne dass er uns dazu gezwungen hat – ein falsches Bild gemacht haben.

Und in dieses Bild sind wir immer noch verliebt. Wenn wir uns dann trennen, weil er dem Bild nicht entspricht, bleiben wir in unser Bild verliebt.

Wenn wir aber dem Mann oder der Beziehung erlauben, dass er so ist, wie er ist, dann erlauben wir damit, dass unser Bild zerstört wird.

Dieser Bildersturz ist ein Schritt zum Reifen, zum Erwachsenwerden. Und in der Beziehung bedeutet das, dass wir anfangen, den anderen in seiner Wirklichkeit zu sehen.

Dann wird sich zeigen, ob wir ihn auch in seiner Wirklichkeit lieben können. Es kann sein, dass wir dann feststellen, wir können das nicht. Man kann sich ja nicht dazu zwingen, jemanden zu lieben, aber man sollte dann wenigstens so klar sein, das man das dem anderen nicht vorwirft, dass man sich nicht als Opfer einer Täuschung sieht, sondern als der Schöpfer einer Täuschung.

Die Täuschung haben wir selber gemacht.  Und die Enttäuschung würde uns dann über uns selbst aufklären, z.B. über die Art und Weise, wie wir uns Täuschung kreieren.

Das tut natürlich weh, weil mit der Enttäuschung müssen wir dann unsere Vorstellungen und Bilder verlassen, davon, wie die anderen sein sollen. Das ist auch ein Verlassen unserer Kindheit.

Wilfried Nelles