Formen der Liebe

Wenn man jemanden liebt, liebt man ihn nicht die ganze Zeit, nicht Stunde um Stunde auf die gleiche Weise. Und doch fordern das die meisten von uns. Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen, und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, sie würde nie zurückkehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzige mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit; einer Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum berühren und doch Partner in der gleichen Bewegung sind.

Anne Morrow Lindbergh

 

Lieber Mensch,
Du bist nicht hier, um bedingungslose Liebe zu meistern.
Die ist da, wo du her kommst und wohin du zurück gehst.
Du bist hier, um persönliche Liebe zu lernen,
universelle Liebe, schmuddelige Liebe, verschwitzte Liebe,
verrückte Liebe, zerbrochene Liebe, ganze Liebe.

Gelebt durch die Eleganz des Stolperns,
offenbart durch die Schönheit des Versagens – meistens.
Du bist nicht hier, um perfekt zu werden. Du bist es schon!
Du bist hier, um menschlich zu sein,
fehlerhaft und fabelhaft…
um dann wieder in die Erinnerung aufzusteigen.

Aber bedingungslose Liebe? 
In Wahrheit braucht Liebe keine Adjektive,
keine Veränderungen, keine Bedingungen, keine Perfektion.

Es braucht nur, dass du da bist und dein Bestes gibst.
Es braucht nur, dass du präsent bleibst und alles fühlst,
dass du strahlst und fliegst und lachst und schreist,
dich verletzt und heilst und fällst und aufstehst und spielst
und arbeitest und lebst und stirbst als DU selbst.
Das ist genug, das ist viel!

Courtney A. Walsh

 

Ich ließ meinen Engel lange nicht los
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß.
Und auf einmal war ich das Erbarmen
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben,
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand.
Er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…

R.M. Rilke

 

 

Ein jeder Engel ist schrecklich
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz:
ich verginge von seinem 
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.
Ein jeder Engel ist schrecklich.

R.M. Rilke