Manchmal verlässt uns ein Kind

Manchmal verlässt uns ein Kind,
das den Ruf von drüben lauter vernommen hat
als die Stimme des Lebens.
Es schließt seine Augen und taumelt davon
wie ein Schmetterling, taumelt zurück ins Licht
und lässt uns allein mit den Fragen,
ohne Antwort über den Sinn all des Begonnenen,
das uns unvollendet erscheint.
Lässt uns zurück mit einer Hoffnung,
die sich nicht erfüllt;
lässt uns zurück und lehrt uns,
dass die Antwort auf unsere Fragen
manchmal nur heißen kann:
Ja.
Ruth Rau


Wühle nicht in deinem Schmerz
und reiße Wunden,
die vernarben wollen nicht immerfort von neuem auf,
wenn du die Kraft des Trostes in dir selbst erlangen willst.

Weise jedem die Tür, der da kommt,
um dich zu “trösten” und nichts Besseres weiß,
als frische Gräber aufzuscharren!

Was einmal durchgelitten ist, will Ruhe finden
in dir, damit es in deine tiefste Tiefe sinke.
Nur wenn es unverlierbar in deiner Seele Tiefe ruht,
wird es dir zu lebenszeugendem Gewinn.

Alles Leid ist nur in seiner Macht,
solange du es hegst und willig seine Herrschaft anerkennst.

Wenn du, nachdem du es empfangen und erlitten hast,
ihm keine Macht über dich mehr zugestehst,
dann ist seine Macht zu Ende.

Es sucht dich immer von neuem an sich zu erinnern.
Wie alles Vergängliche möchte es länger in Macht und Wirkung
sein, als seine zugemessene Zeit dies zulassen will.

Dazu aber bedarf es deiner, denn es ist nicht ohne dich.
Um dir wert zu werden, wählt es stets die besten Masken …
Wie hat es die Hirne der Menschen zu allen Zeiten umnebelt,
um ihnen als Götterbote, ja als Zeugnis göttlicher Liebe zu gelten.

So hat man es gar lieben gelernt und dabei nicht geahnt,
dass man – nach eingewobenem Gesetz der Kräfte des Universums –
durch solche Liebe nur das Leid auf dieser Erde mehrte.

Ein jedes Leid-Erleben ist Abschluss und Neubeginn. Wenn bei
dem Abschluss du zu lange verweilst, wirst du die beste Kraft
in dir erlahmen lassen, die dir zu neuem Beginnen dienen sollte.
Bo Yin Ra


Herbst
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke


Eure Kinder sind nicht eure Kinder,

sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal ihn euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen,
denn das Leben geht nicht rückwärts noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Kahlil Gibran


Wenn ein Kind kritisiert wird, lernt es zu verurteilen.

Wenn ein Kind angefeindet wird, lernt es zu kämpfen.
Wenn ein Kind verspottet wird, lernt es schüchtern zu sein.
Wenn ein Kind beschämt wird, lernt es sich schuldig zu fühlen.
Wenn ein Kind verstanden und toleriert wird, lernt es geduldig zu sein.
Wenn ein Kind ermutigt wird, lernt es sich selbst zu vertrauen.
Wenn ein Kind gelobt wird, lernt es sich selbst zu schätzen.
Wenn ein Kind gerecht behandelt wird, lernt es gerecht zu sein.
Wenn ein Kind geborgen lebt, lernt es zu vertrauen.
Wenn ein Kind anerkannt wird, lernt es sich selbst zu mögen.
Wenn ein Kind in Freundschaft angenommen wird, lernt es, in der Welt Liebe zu finden.
Text über dem Eingang einer tibetischen Schule