Was mich bewegt

Während meiner langjährigen beruflichen Arbeit mit Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele der – auf den ersten Blick – befremdlichen Verhaltensweisen, die Menschen unter bestimmten Bedingungen entwickeln, weder krank noch „gestört“ sind.

Probleme und Symptome sind weder Eigenschaften des einzelnen Menschen noch fallen sie wie Regen vom Himmel. Sie sind auch kein Ausdruck von Versagen oder Schuld.

Vielmehr sind sie ein Ausdruck der Art, wie Menschen sich in unterschiedlichen Lebens-
situationen selbst bewerten und wechselseitig aufeinander beziehen – in der Partnerschaft, in der Familie, am Arbeitsplatz und sonstigem Umfeld. Das Verhalten eines Menschen wird immer erst verstehbar, wenn es innerhalb seines jeweiligen Lebenskontextes gesehen wird.

Wenn Mitmenschen oder belastende Lebenssituationen oder Schicksalsschläge schmerz-
liche Gefühle in uns auslösen, wollen wir diese meistens möglichst schnell loswerden; wir neigen dazu, uns abzulenken oder sie zu verleugnen. Ein dominanter Mythos in unserer Kultur ist, dass schmerzliche oder ungewünschte Gefühle bekämpft und vermieden werden müssen. Angst und Depressionen werden zu depersonalisierten Feinden gemacht, die mit Pillen betäubt werden.  (Die Menge der Pillen, die allein Kindern für ADHS verabreicht wird, steigerte sich von 34 kg 1993 auf 1.791 kg im Jahr 2011 – „Die Psychofalle – Spiegel  4/2013“).

In diesem Sinne tut abgeschobenes seelisches Erleben weh. Es wiederholt sich so lange, bis wir bereit sind, uns zu öffnen für die dahinter wirkende Not, die uns nicht bewusst ist oder die wir nicht wahrhaben wollen. „In diesem Punkt scheint die Natur unendlich geduldig und ewig grausam zu sein. Es mag Jahre oder Generationen dauern, aber eine negative Erfahrung kommt wieder, bis menschliche Präsenz sie mit Liebe und Akzeptanz integriert“. (Stephen Gilligan)

Probleme und Symptome sind – so gesehen –  eine Notlösungein Lösungsversuch mit hohem Preis. Sie machen aufmerksam auf eine tiefe Sehnsucht und ein unbestechlich kluges inneres Wissen, dass sich im Leben des Betroffenen etwas Stimmigeres, Gesünderes oder Sinnvolleres entfalten will, aber (noch) nicht kann.

Am ehesten entfaltet es sich in einem Umfeld von Bewusstheit, Liebe und Respekt.

In unserem Organismus, unserem Verstand, unserem intuitiven Wissen und unserer Herzensweisheit verfügen wir über sehr viel mehr Fähigkeiten, Selbstregulierungskräfte und Schöpferkraft, als wir bewusst wissen. In Krisenzeiten scheinen wir davon wie abgeschnitten zu sein, aber auch bei lang anhaltendem Leid und traumatischen Ereignissen bleibt dieses Potenzial erhalten. 

Der individuelle Mensch als Körper-Geist-Einheit und als Beziehungswesen ist  zu komplex, als dass er sich in das enge Korsett  wieg-, mess- und zählbarer Statistiken und  Theorien hineinzwingen ließe. Menschen sind keine Maschinen, sondern sich ständig verändernde, lebendige Wesen. Man kann sie zerstören, aber niemals kontrollieren.

In der systemischen Sichtweise geht der Blick auf die Belebung und Integration der verborgenen Ressourcen, um autonome, gesunde Beziehungen und Lebensentwicklungen in Gang zu setzen.

Autonomie ist nicht zu verwechseln mit Egoismus. Autonomie heißt
nicht: 
Ich tue, was ich will! – sondern: Ich weiss, was ich aus mir heraus tun muss,
deshalb tue ich es. Es heißt nicht, dass ich von Anderen übernommen habe,
was ich soll und es deshalb weiß und tue. Autonom sind nicht jene, die ständig
unter dem Zwang stehen, machen zu müssen, was sie wollen, sondern jene,
die ihre Lebensmelodie gefunden haben, die wissen, was das Leben von ihnen
will, wofür sie da sind, was ihrem Wesen gemäß ist. (W. Büntig).

Unsere Kraftquellen liegen im Erleben der Natur, des Rhythmus, des Gestaltens, des Miteinanders, des Alleinseins, des Lernens, der Disziplin, der Geduld, des Nichthandelns, des Staunens, des Vertrauens, der Dankbarkeit, der Stille ….

Je mehr liebevolle Aufmerksamkeit wir allen Erfahrungen und allen Empfindungen in uns selbst schenken, desto weniger sind wir gefangen in Entweder-Oder-Mustern und Schwarz-Weiss-Denken. Selbstliebe (nicht zu verwechseln mit narzistischen Selbstpirouetten) ist die Voraussetzung für den besten Umgang mit unseren Nöten, Dilemmas, den traumatischen Erfahrungen, den Beziehungen, die uns am Herzen liegen sowie den anderen auch.

 

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Was Sie von mir erwarten können